Nochmal wegen Herrn Merz, denn er haut in erstaunlicher Taktung Negatives an uns Bürgerinnen und Bürger raus… Eigentlich müsste ich mich auch gar nicht angesprochen fühlen, denn für mich als Freiberuflerin ist unser Staat in sozialer und existentieller Hinsicht ja sowas von gar nicht zuständig, ich bin beim aktuellen Bürger-Bashing* der hiesigen Regierung gar nicht mitgemeint.

Doch erstens war ich etliche Jahre Angestellte, bevor ich mich 1990 selbstständig machte, und zweitens nehme ich als Freiberuflerin ebenfalls am Arbeits- und Wirtschaftsprozess des Landes teil. Und drittens habe ich null Verständnis für eine Regierung, die große Teile der Bevölkerung offenbar für destruktive Schmarotzer hält. Kurzum, der Kanzler ist auch mir mehrfach zu nahe getreten mit seinen vorwurfsvollen Pauschalierungen.

Wie kam es nun also zu meiner system-irrelevanten, aber sehr persönlichen „Lifestyle-Teilzeit“?

Mein 60. Geburtstag und Corona passierten sehr kurz nacheinander. Alle Kunden stellten fast alle Aktivitäten ein, für die man hätte werben können. Und als sich alle wieder erholten und wieder unternehmerische Dinge taten, fand ich mich in einem neuen Kampf – gegen übliche Vorurteile. Aber hey, ich als Kreative habe wegen meiner gelebten Jahre nicht weniger Ideen, sondern zusätzlich mehr Erfahrung, eigentlich ein Win-Win für Auftraggeber. Ich sag’s nur mal.

Dann wurde der liebste Mensch sehr krank, das brach über uns herein wie ein Tsunami. Keine Voraussetzung für dynamische Akquise oder reibungsloses Funktionieren im Job, sondern das Kümmern um ihn war meine absolute Priorität… Die Krankheit war alles andere als „notwendig“, Herrrrr Bundeskanzler, mein Dasein für den Liebsten allerdings wohl!

Und inzwischen?

Ist der beste von Allen wieder genesen und meine Auftragslage hat sich auf eine solide Halbtags-Teilzeit eingependelt. Das habe ich aber nicht gesteuert, das ist einfach so gekommen, wegen siehe oben. Und als Lifestyle im allseitigen Älterwerden gönne ich Mitt-Sechzigerin mir dann an den verbleibenden Halbtagen

> nach wie vor viel Zeit und Aufmerksamkeit für den Liebsten.

> dasselbe natürlich auch für die liebe Matriarchin, die nicht weit weg wohnt.

> Planung, Einkauf und frisches Zubereiten unserer sämtlichen Mahlzeiten.

> Änderungsschneiderei für alles, was intern so anfällt.

> haushaltliche Putz- und Pflegearbeiten, aber zeitlich eher unauffällig.

> regelmäßige Funktion als Computer- und Handy-Expertin auf Zuruf für die ältere Verwandschaft und für Mitbewohner im Haus.

> nennenswerte Aktivitäten im Lions Club, das schon seit 2008.

> bewusste Pflege insbesondere meiner Frauenfreundschaften, aus Zuneigung sowieso und auch in der Hoffnung, selbst nie allein dazustehen.

> der ganze Bürokratiekram für uns als Ehepaar und natürlich auch für meine berufliche Tätigkeit.

> wöchentliche Aquafitness sowie regelmäßige Alltagswege mit dem Fahrrad zur Unterstützung meiner Gesundheit.

> gelegentlich Zeit zum Lesen und für andere, eher ungesellige Eigeninteressen.

> …

Mehr fällt mir jetzt gerade nicht ein, es läuft eh‘ alles eher unsortiert und vieles passiert einfach – ich sitze aber erstaunlicherweise fast nie nur herum und schwelge in meinem Lifestyle.

Und weil es so schön passt, möchte ich Euch hier noch ein kleines Video zu unserem regulierungsfreudigen Staat zeigen, sehr nachdenkenswert. (Ausschnitt aus einem Interview von The Pioneer mit dem Soziologen Aladin El-Mafaalani.)

*Danke, lieber Nachbar P., für diesen Begriff…

251-mal gelesen.

6 Kommentare

  1. Das wirklich Schreckliche an dem „Blöd daher Gesabbel“ von Merz und Kolleg*innen ist eher noch, dass diesem Irrsinn und Unfug klar widersprochen wird. Von anderen Politikern,Wirtschafts Boss*innen und dem ganz normalen Bürger. Man sollte Merz nicht mehr für Voll nehmen. Er hat und kann es halt nicht.

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  2. Stimme Dir vollumfänglich zu!

    Mein Luxus-Lifestyle ist: Jede Woche 8h weniger arbeiten, weil ich meist 7 Tage die Woche meinen Vater (trotz fremdbetreutem und selbst bezahltem „Altersruhesitz“) im Heim besuche und zwischendurch noch für ihn einkaufe. Das sind in Summe so 14-16h die Woche Care-Arbeit.

    Ich bin froh, dass ich mir trotzdem diesen sog. Luxus leisten kann. Sonst würde ich viel schneller selbst zum Pflegefall.

    Und Sie, Herr Merz?

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  3. Gern geschehen. 🙂
    Und meine Meinung zu unseres Kanzlers Umgang mit seinen „Untertanen“ kennst Du ja.
    Vom Thema „Lifestyle-Teilzeit“ bin ich nicht betroffen, aber auch als jemand, der mit seiner Rente nicht bis zum bitteren Ende gewartet hat, steht man ja gerne mal im Verdacht, ein fauler Schmarotzer zu sein.

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  4. Ich stimme Carla zu: Er kann es halt nicht!!!

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  5. Ui, da stelle ich mich doch gleich in die lange Reihe der Lifestyle-Teilzeitler 🙂 Sowas aber auch: Ich bin wieder gesund, der Noch-Mann ist wieder gesund, Eltern sind tot, Kinder aus dem Haus. Vermutlich sollte ich jetzt so ungefähr 50 Stunden arbeiten, um die böse Teilzeitlücke wieder gut zu machen? Das Ganze mindestens bis 70, weil „geht doch“?
    Manchmal frage ich mich, was unser Kanzler raucht und will das auch.
    Liebe Grüße
    Fran

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  6. Danke Euch allen für Eure Kommentare – ich sehe, ich bin nicht allein mit meiner Empörung…

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