Zuletzt aktualisiert am 14. Februar 2022.

Professorin Christina Pagel beschreibt sich selbst auf Twitter kurz als „Director @UCL_CORU, Prof Operational Research, passionate about health care, women in STEMs. … Member of @IndependentSage. Tweets personal.“ (Independent Sage ist eine Gruppe von Wissenschaftlern, die während der COVID-Krise transparent und unabhängig beraten wollen.) Sie schrieb am 10. Februar 2022 den folgenden Text:

I keep being asked when we can go “back to normal” or “like it was before”. My personal thoughts:

We’ve added a new disease to our population, more infectious and more severe than flu. The world pre 2020 no longer exists – we may want it to, but it just doesn’t.

Vaccines are amazing but do wane – esp vs sympomatic infection. Immunity from infection wanes too.

Surely Omicron has proven that high levels of antibodies in your population are no guarantee against v high levels of illness & disruption.

We could act as we used to & accept millions of people getting sick once or twice a year. Yearly education, business disruption. And gradually, a slightly sicker population. That seems to be the current plan in UK and e.g. US.

But that’s NOT the old normal – it’s worse.

We can’t go back – but we can go forward if we accept we need some adaptations – driven by what we have learned:

1 | Outdoors is pretty safe – so let’s invest research and funding into making indoor air as much like the outdoors as possible.
It’s not easy, but it is possible – we did it with clean water, electricity infrastructure, CFCs, telephone and broadband…
The best thing about cleaner indoor air is it works against any airborne disease and also reduces e.g. allergies.

2 | Vaccinate the world as soon as possible – and keep working towards vaccines that are longer lasting and more variant proof.

3 | Invest in global infrastructure to support surveillance of new variants of Covid and other new infectious diseases. There will be more.

4 | Add permanent surveillance of Covid infection rates in UK to existing programmes for flu, measles etc in public health.

5 | Invest in understanding & treating longer term clinical impacts of Covid, inc organ damage & Long Covid and treatments (eg antivirals) for acute phase.

6 | We need to urgently increase funding and staffing for NHS if it is expected to cope with regular Covid surges and existing backlogs and years of understaffing and not enough money. This includes supporting existing staff to stay..!

7 | There will still be future surges. We need to have a plan to deal with these surges – as we do for other diseases. A plan which is supported by the rapid outbreak identification & rapid understanding of virulence & transmission we’ve learned to do so well in the UK!
The plan might include (temp) reintroduction of large scale testing (inc better tests?), high quality masks in indoor spaces and – if & only if there is a serious threat from e.g. a new variant (or disease!) – further measures, such as targeted test, trace & isolate.
A plan should not mean long national lockdowns, which represent a failure of public health systems.
In fact, refusing to do the learning in “learning to live with Covid” is the biggest risk for such future lockdowns.

8 | We also need to invest massively in reducing inequalities: in health, in housing, in workplaces, in sick pay, in education – this will make us more resilient to future outbreaks and reduce ill health and death – from Covid & everything else! Both nationally & globally.

Fundamentally, world is different now. Acting as if it isn’t, which UK seems determined to do, may feel good in short term but will result in a new normal worse than the old one.

I prefer for us to build a new normal that’s better than frequent sickness and disruption.

Und hier die (etwas holperige Google-) Übersetzung:

Ich werde immer wieder gefragt, wann wir „zurück zur Normalität“ oder „wie früher“ gehen können. Meine persönlichen Gedanken:

Wir haben unserer Bevölkerung eine neue Krankheit hinzugefügt, ansteckender und schwerer als die Grippe. Die Welt vor 2020 existiert nicht mehr – wir wollen es vielleicht, aber sie tut es einfach nicht.

Impfstoffe sind erstaunlich, aber schwinden – besonders gegen sympomatische Infektionen. Auch die Immunität gegen Infektionen lässt nach.

Sicherlich hat Omicron bewiesen, dass hohe Antikörperspiegel in Ihrer Bevölkerung keine Garantie gegen hohe Krankheits- und Störungsraten sind.

Wir könnten so handeln wie früher und akzeptieren, dass Millionen von Menschen ein- oder zweimal im Jahr krank werden. Jährliche Ausbildung, Geschäftsunterbrechung. Und nach und nach eine etwas kränkere Bevölkerung. Das scheint der aktuelle Plan in UK und beispielsweise USA zu sein … Aber das ist NICHT die alte Normalität – es ist schlimmer.

Wir können nicht zurückgehen – aber wir können vorwärts gehen, wenn wir akzeptieren, dass wir einige Anpassungen brauchen – getrieben von dem, was wir gelernt haben:

1 | Im Freien ist es ziemlich sicher – investieren wir also Forschung und Gelder, um die Raumluft so ähnlich wie möglich der Außenluft zu machen. Es ist nicht einfach, aber es ist möglich – wir haben es mit sauberem Wasser, Strominfrastruktur, FCKW, Telefon und Breitband geschafft… Das Beste an sauberer Raumluft ist, dass sie gegen jede luftübertragene Krankheit wirkt und auch z.B. Allergien.

2 | Impfen Sie die Welt so schnell wie möglich – und arbeiten Sie weiter an Impfstoffen, die länger haltbar und variantensicherer sind.

3 | Investieren Sie in die globale Infrastruktur, um die Überwachung neuer Varianten von Covid und anderer neuer Infektionskrankheiten zu unterstützen. Da wird es noch mehr geben.

4 | Hinzufügen einer ständigen Überwachung der Covid-Infektionsraten in Großbritannien zu bestehenden Programmen für Grippe, Masern usw. im Bereich der öffentlichen Gesundheit.<

5 | Investieren Sie in das Verständnis und die Behandlung längerfristiger klinischer Auswirkungen von Covid, einschließlich Organschäden und langer Covid-Behandlungen (z. B. Virostatika) für die akute Phase.

6 | Wir müssen dringend die Mittel und das Personal für den NHS aufstocken, wenn erwartet wird, dass er mit regelmäßigen Covid-Spitzen und bestehenden Rückständen und jahrelanger Unterbesetzung und nicht genügend Geld fertig wird. Dazu gehört die Unterstützung bestehender Mitarbeiter, damit sie zu bleiben!

7 | Es wird noch zukünftige Überspannungen geben. Wir müssen einen Plan haben, um mit diesen Anstiegen fertig zu werden – wie wir es bei anderen Krankheiten tun. Ein Plan, der durch die schnelle Identifizierung von Ausbrüchen und das schnelle Verständnis von Virulenz und Übertragung unterstützt wird, die wir in Großbritannien so gut gemacht haben!

Der Plan könnte die (vorübergehende) Wiedereinführung von groß angelegten Tests (einschließlich besserer Tests?), hochwertige Masken in Innenräumen und – wenn und nur wenn eine ernsthafte Bedrohung durch z. eine neue Variante (oder Krankheit!) – weitere Maßnahmen, wie z. B. gezielt testen, nachverfolgen & isolieren.

Ein Plan sollte nicht lange nationale Lockdowns bedeuten, die ein Versagen der öffentlichen Gesundheitssysteme darstellen. Tatsächlich ist die Weigerung, aus Lernen ein „Lernen, mit Covid zu leben“ zu machen, das größte Risiko für solche zukünftigen Sperren.

8 | Wir müssen auch massiv in den Abbau von Ungleichheiten investieren: in Gesundheit, Wohnraum, Arbeitsplätze, Krankengeld, Bildung – das wird uns widerstandsfähiger gegen zukünftige Ausbrüche machen und Krankheit und Tod – durch Covid und alles andere – reduzieren! Sowohl national als auch global.

Im Grunde ist die Welt jetzt anders. So zu tun, als wäre es nicht so, wozu Großbritannien entschlossen scheint, mag sich kurzfristig gut anfühlen, wird aber zu einer neuen Normalität führen, die schlimmer ist als die alte.

Ich ziehe es vor, dass wir eine neue Normalität aufbauen, die besser ist als häufige Krankheit und Störungen.

Diesen Text fand ich so interessant, daß ich ihn Euch nicht vorenthalten wollte.

Denn beschäftigt es uns nicht alle, wie es wohl weitergeht? Mit uns und dem nicht mehr verschwindenden Virus? Wie eine erst noch neu zu erringende Normalität wohl aussehen wird?

Ich persönlich glaube nämlich tatsächlich schon länger, daß wir gar nicht mehr zurückkehren können zum alten, zum – bis Ausbruch der Pandemie – gewohnten Normal…

Wenn ich mir also zum Beispiel vorstelle, daß wir vielleicht zukünftig im Winter drinnen und zurückgezogen leben und im Sommer draußen und gesellig, dann wäre das etwas, woran ich mich gewöhnen könnte. Ein sehr ich-bezogener Standpunkt, denn mein Beruf, meine Lebensumstände und nicht zuletzt mein Alter machen es mir leicht, das zu denken.

Doch dies ist mein Blog und hier kann ich, ohne empörten Aufschreien durch politisch korrekte Relativierungen gerecht werden zu müssen, einfach mal meine Gedanken „zu Papier“ bringen. Ich bin vermutlich auch nicht die Einzige in einer solch relativ privilegierten Situation…

Denn wir sind nicht mehr in den jungen Jahren voller Tatendrang und Aufbruchslaune, wir sind nur zu zweit, haben keine Kinder bzw. Enkel in Schul- oder gar KiTa-Alter, wir müssen nicht den ÖPNV benutzen, wenn wir nicht wollen, wir wohnen gerne und ausreichend groß. Ich kann meine Arbeit zu großen Teilen „im stillen Kämmerlein“ hier im Haus machen. Und ich habe ein abwechslungsreiches und glückliches Stück Leben bereits gelebt. Doch bitte nicht vergessen: von 30 bis 60 dauert es genauso lange wie von 60 bis 90…

Es gibt jedenfalls ein paar Dinge, die ich seit Beginn der Pandemie tatsächlich gar nicht vermisse. Vor allem diesen ständig übervollen Kalender, der mein Leben bis dahin quasi taktete. Dieses Gefühl des unentwegten Weiterrennens. Warum muss(te) das eigentlich sein?

Mir gefällt das etwas Gemächlichere im Winter. Es lässt mich auch die Zusammentreffen mit Freundinnen, Freunden und anderen angenehmen Menschen wieder viel bewusster genießen. Und das echte, das gesunde, das innerliche Entspannen klappt deutlich besser als vorher, weil nicht schon der nächste Termin des Tages im Hintergrund lauert, sondern weil wirklich Zeit dafür ist.

Ich mag es auch, mich seltener aufbrezeln zu müssen. Ich mag es, nicht so oft das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen, wenn ich da oder dort nicht hingehe. Ich mag es, mich bei den selteneren Gelegenheiten hauptsächlich in Gesellschaft von Menschen zu befinden, denen ich bezüglich ihres Umgangs mit Virus und Impfungen vertrauen kann. Ich mag es, daß ich im Lockdown gelernt habe, für mehrere Tage einzukaufen statt jeden Tag knackfrisch. Und es ist befreiend, erkannt zu haben, wie wenig man eigentlich an anderem „Zeug“ kaufen muss. Und wie gut man von Aachen aus seinen Horizont erweitern kann, ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen. Ein großes Umdenken, hat es vielleicht sogar schon ganz allgemein begonnen?

Und wenn uns – den Alten, den Jungen, den Singles, den Eltern mit Kindern, überhaupt allen gleichermaßen – dann noch die Wissenschaft kluge und machbare Wege zeigt und bereitet, wie sie Professorin Christina Pagel (@chrischirp) in ihrem oben abgedruckten Twitter-Thread gedanklich skizziert hat, dann könnte unser neues Normal doch richtig gut werden… Eventuell sogar viel menschlicher und gesünder als vorher.

Das müssen wir jetzt nur noch der Politik und der Wirtschaft schmackhaft machen.

Update am 14.2.: Ich ergänze um diesen Video-Schnipsel mit anderthalb Minuten Wichtigem, das Gesundheitsminister Lauterbach gestern abend bei “Anne Will” gesagt hat. Vorsicht, es ist desillusionierend ehrlich und – leider – zukunftsweisend. Hinhören…

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