Natürlich war auch ich zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig eine von sich selbst überzeugte junge Frau – und in gewisser Weise furchtbar überheblich gegenüber den „Alten“. Was wussten die schon, die waren doch längst aus der Zeit gefallen, die sollten doch mal still sein… Keinerlei Achtung vor Erfahrung, Wissen und Weisheit trübte meine Wahrnehmung. Kein Zuhörenwollen, keine Bereitschaft, mal wirklich über Gesagtes nachzudenken – lieber direkt die eigene Verlautbarung loswerden.

Und was man sich auf der beruflichen Bühne (noch) nicht traute, bekamen stattdessen im Privaten vor allem die „Alten“ ab, mit denen man sich quasi notgedrungen abgeben mußte: die Eltern, die Verwandten und deren Freunde. Sie bekamen ungefragt den geballten Sturm und Drang einer „Lebensanfängerin“ serviert, die keinen Grund sah, von einer einmal gefassten Meinung auch nur ein Zentimeterchen abzuweichen.

Was war das Leben doch in diesen jungen Jahren einfach, zumindest in dieser Hinsicht. Und Themen zum Meinunghaben, Durchblicken und Aneinandergeraten gab es haufenweise: Stoppt Strauß (das Ding klebte auch auf meinem R4, woraufhin mein Opa anmerkte, man werde mir bestimmt die Scheiben einschlagen). RAF. Filbinger. Die Grünen. Alice Schwarzer. Und vieles andere.

Heute, mit Ende fünfzig, finde ich gar nichts mehr einfach, was Meinungsbildung angeht. Und ich achte Erfahrung und Wissen viel mehr als je zuvor – nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei anderen. Ich höre zu (ich bemühe mich zumindest!), ich denke nach, ich wäge ab. Und ich achte erfahrungsbasierte Reflektiertheit sehr viel mehr als jugendliches Ungestüm – ist das aber schon Arroganz? Ich finde dieses Direkt-eine-feste-Meinung-parat-haben im Nachhinein ziemlich doof und ärgere mich über mich selbst, daß ich mal so war. Doch ich wusste es ja nicht besser.

Als wir „Alten“ uns im April auf Facebook und Twitter ausführlich über eine junge Kuratorin aufregten, die bei einer Ausstellungseröffnung eine unserer Meinung nach allzu seelenlose Rede auf einen Aachener Streetart-Künstler der 80er Jahre hielt, dessen Werdegang und Schaffen viele von uns persönlich miterlebt hatten, da wurde mir an einer Stelle die „Arroganz der Alten“ vorgeworfen. Huch?!

Ja, im Zusammenhang mit dieser Vernissage, da haben wir vermutlich wirklich ziemlich überheblich geklungen. Ansonsten versuche ich, keine „arrogante Alte“ zu sein. War ich doch schließlich erst vor kurzem noch ein allwissender, durchblickender, überheblicher Twen und kann mich noch gut erinnern, wie sich das anfühlte…