Bei Twitter hat mich ein relativ junger, mir sehr sympathischer Familienvater so ein bißchen auf dem Kieker, weil ich mich mal zu sagen „getraut“ habe, daß ich mir Polanski-Filme trotz seiner Verurteilung als Vergewaltiger noch angucke. Als ich nun dieser Tage in einem Tweet Herrn Wedel schmähte, den ich auch schon vor all diesen gerade ans Licht kommenden Dingen unsympathisch fand, wegen seiner ungepflegten und gleichzeitig arroganten Attitüde, da wurde ich direkt von jenem Twitterer gefragt: „Du machst einen Unterschied zwischen Polanski und ihm?“

Darüber habe ich – natürlich – nachgedacht und gebe gerne eine Antwort, die aber beim besten Willen nicht in das Twitter-Format passt.

(Ich muß hier hoffentlich nicht extra betonen, wie abscheulich und verurteilenswert ich jede Art von Demütigung oder gar Gewalt gegen uns Frauen finde; das darf bei allem, was ich jetzt noch hinzufüge, als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Ich finde darüberhinaus aber auch eine Nazi-Vergangenheit oder manch andere politische und menschliche Entgleisung abscheulich und verurteilenswert.)

Ja, ich mache einen Unterschied. Roman Polanski und Dieter Wedel trennen nämlich, abgesehen vom Status ihrer Verurteilungen, auch sonst Welten. Denn der eine hat cineastische Klassiker von Weltrang gedreht, der andere gut laufende, pressewirksam besetzte Unterhaltungsfilme fürs deutsche Fernsehen. Die Filme des einen gucke ich mir auch in Zukunft an, wenn mir danach zumute ist, die TV-Filme des anderen haben mich schon vorher nur bei ihrer Erstausstrahlung und danach nicht mehr interessiert.

Als 1959 Geborene war ich acht oder neun Jahre alt, als die große, romantische Liebesgeschichte zwischen Polanski und einer der schönsten Frauen der 60-er Jahre begann, ein wahrer Hollywood-Prinzessinnen-Traum auch für vorpubertäre Mädchen. Und ich war zehn, als der brutale Mord an der hochschwangeren Sharon Tate durch Mitglieder der Manson-„Familie“ geschah. Ich litt mit diesem kleinen, unglücklichen, zutiefst erschütterten Mann mit, wie fast alle damals. Polanski war zuallererst ein tragisches Opfer, bevor er später alles andere wurde, und das beeinflusst mein inneres Bild von ihm ehrlicherweise bis heute, gibt ihm nahezu reflexhaft einen kleinen Mitleids-Bonus.

Wedel habe ich irgendwann als junge Erwachsene zum ersten Mal auf einem Foto wahrgenommen, als es in der Presse um den Erfolgsregisseur von Was-weiß-ich ging, da fand ich ihn unangenehm ungepflegt und auch sonst optisch unattraktiv, daher interessierte mich der Mann – auch wegen seiner demonstrativen Selbstgefälligkeit – nicht weiter.

Wie dem auch sei: beide Regisseure – und alle anderen Kulturschaffenden – kann ich schlußendlich ja nur nach der anerkannten Qualität ihrer Arbeit beurteilen und nach dem Wert, den diese für mich persönlich darstellt. Und diese Arbeit ist es auch, die mich interessiert oder eben nicht.

Wie viel kulturelle Allgemeinbildung ginge uns verloren, „dürften“ wir aus moralischen Beweggründen die Filme, die Bücher, die Bilder und die Musik von erwiesenen Arschlöchern nicht mehr kennenlernen! Das wäre vermutlich eine ziemlich lange und sich ständig erweiternde schwarze Liste, und das kann es doch irgendwie nicht sein…

Dazu interessiert mich Eure Meinung übrigens sehr.