Seit 1990 bin ich selbständig und habe noch nie an einer öffentlichen Ausschreibung teilgenommen. Noch nie! Dies zu meiner Entschuldigung.

Denn heute spülte mir das Vergabeportal eine ministeriale Ausschreibung für einen Fotokalender 2018 in die Mailbox – jahaaa, das wär genau mein Ding. Kann ich, liebe ich, will ich… Also das PDF runtergeladen und angefangen zu lesen. Grafische Anforderungen: kein Problem. Terminvorstellungen: kein Problem. Druckkosten: direkt mal eine Anfrage an die Druckerei meines Vertrauens gemailt. Angebotsfrist: auch kein Problem.

Dann umgeblättert auf Seite 2 der Ausschreibung… Wo dann zu lesen war, was über das Angebot hinaus noch zum Angebot gehört. Nämlich beispielsweise:

  • Nachweis über Referenzen.
    Total normal.
  • Kostenkalkulation, Zusammensetzung des Angebotspreises.
    Für mich das Kernstück eines jeden Angebotes.
  • Eigenerklärung zur Zuverlässigkeit.
    Wie lustig ist das denn???
  • Nachweis über den Unternehmensumsatz.
    Wie bitte?!?!?!

Ich habe hier nur eine Kürzestfassung dieser engbeschriebenen A4-Seite aufgelistet… Meine Zuverlässigkeit?! Meine Umsätze?! Ich beantrage doch hier keine staatliche Hilfe für irgendwas, ich würde nur gerne ein schönes Stück professioneller Arbeit für ein Ministerium machen. Ich muß in keinerlei pekuniäre Vorleistung gehen, denn meine „Ware“ sind meine Ideen und mein in über 30 Berufsjahren erworbenes Know-how.

Abgesehen davon, daß Amtssprache vollkommen abtörnend ist und überhaupt nicht zu kreativen Aufgaben passt, und abgesehen davon, daß der Auftraggeber mir als Auftragnehmer offenbar an keiner Stelle seine Seriosität und Zahlungsfähigkeit beweisen muß, scheint man bei solchen Ausschreibungen einfach nicht an engagierte Freiberufler oder Kleinstbüros zu denken… Die gar nicht die Manpower haben, diesen irrwitzig lebensfremden Vorschriften zu genügen – denn Du schreibst nicht „Ja, ich bin selbstverständlich zuverlässig, sonst gäbe es mein Büro nach ümzig Jahren längst nicht mehr“, sondern Du mußt sogar dafür einen Vordruck downloaden und ausfüllen.

Würde man ich solch einen öffentlichen Auftrag überhaupt ergattern unter vielen vorhergehenden, fachfremden und definitiv zeitraubenden Mühen (ich ziehe gedanklich meinen Hut vor allen Handwerksbetrieben, die sich diesem Bürokratiewahnsinn vermutlich öfter mal unterwerfen), wäre man ich bereits so sauergefahren, daß die guten Ideen für das eigentliche Thema – ein Fotokalender, wir erinnern uns – wahrscheinlich längst im Frustrations-Nirwana untergegangen wären.

Das macht mir keinen Spaß und ohne Spaß arbeite ich nicht gut – ich werde mich bei dieser Vergabe-Website wieder abmelden. Und der Druckerei habe ich auch sofort gemailt: „Vergesst den Kalender!“

Diesen jedenfalls…